Somaliland-Handbuch – Teil 1

Dies ist der erste Teil einer dreiteiligen Serie von meinem Kollegen und Gastautoren Konstantin Flemig

Ende 2016 reiste ich als Journalist nach Somaliland, wo ich über die Folgen des Klimawandels und den Kampf der UN gegen die drohende Hungerkatastrophe berichten wollte. Im Laufe der Vorbereitungen war ich immer wieder mit derselben Reaktion von Freunden und Familie konfrontiert: Bist du wahnsinnig? Nach Somalia?!

Daher habe ich mich entschieden, ein kleines Handbuch über die Republik Somaliland zu schreiben. Kleiner Spoiler zu Beginn: Nein, es ist nicht so schlimm wie ihr denkt.

Unabhängigkeit

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Darstellung des Bürgerkriegs von 1989 auf dem Nationaldenkmal in Hargeisa © Konstantin Flemig

Vielleicht die entscheidende Frage stellt sich gleich zu Beginn der Reise: Fliegt man jetzt nach Somalia oder Somaliland? Und was ist überhaupt der Unterschied? Wie so oft gibt es hier keine einfache Antwort(en). Das Völkerrecht und die Vereinten Nationen sagen, dass Somaliland eine Region im international anerkannten Staat Somalia bildet. Diese Region erklärte sich 1991 für unabhängig, wurde bis heute aber von keinem anderen Land der Erde anerkannt. Dies hat den Hintergrund, dass die sogenannte „internationale Gemeinschaft“ die ohnehin zahlreichen Separatistenbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent ermutigen will. An der Realität ändert diese Weigerung freilich wenig, und jeder der knapp 4,5 Millionen Einwohner Somalilands wird darauf bestehen, ein eigenständiger Staat zu sein. Und die Tatsache, dass dieser Staat trotz der Nichtanerkennung der Welt es geschafft hat, Stabilität und Sicherheit zu gewährleisten, von denen Nachbarländer wie Rest-Somalia, Eritrea und selbst Äthiopien nur träumen können.

Einreise

Wie kommt man in ein Land, das offiziell im Bürgerkrieg ist, und das in den meisten Köpfen so aussieht wie Black Hawk Down? Ganz einfach: Man beantragt ein Visum und bucht sich einen Flug. Zum ersten Punkt: Die für Europäer bequemste Methode, an ein Visum für Somaliland zu kommen besteht darin, seinen Pass mit einem ausgefüllten Formular und dem nötigen Kleingeld an die Vertretung des Landes in London zu schicken. That’s it. Der ganze Prozess hat etwa eine Woche gedauert, was ich zuerst nicht glauben konnte. Meine Erfahrungen mit Visa für andere afrikanische Nationen sehen da fundamental anders aus…

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Das offizielle Visum for Somaliland. Man beachte den Rechtschreibfehler in der Überschrift. © Konstantin Flemig

Zum zweiten Punkt: Von Frankfurt aus führt die beste Verbindung über Dubai, von wo aus die staatliche Billigfluglinie FlyDubai Flüge nach Hargeisa unterhält. Das Unterhaltsamste an der Reise sind mitunter die Gesichter des deutschen Flughafenpersonals, wenn sie sehen, dass man nach „Somalia“ fliegt.

Sicherheit

Somaliland ist ziemlich sicher. Und zwar nicht nur im Vergleich zu Mogadischu oder Aleppo, sondern mit Urlaubszielen wie Südafrika oder Tansania (siehe auch den Abschnitt „Geld“).

Als Weißer fällt man zwar auf, wenn man durch die Straßen der Hauptstadt Hargeisa läuft, doch nie negativ (für Dreharbeiten sollte man aber einen Einheimischen Fixer dabei haben, da man sonst durchaus Probleme bekommen kann). Die Leute sind neugierig und unterhalten sich gerne über Gott und die Welt. Die Tatsache, dass Somaliland britische Kolonie war vereinfacht die Sache, das tatsächlich fast jeder ein wenig Englisch spricht. Beliebte Themen, als ich da war: Deutsche Autos, Deutscher Fußball, wie es mir in Somaliland gefällt, und Donald Trump.

Bei Reisen jenseits der Hauptstadt ist ein bewaffneter Soldat oder Polizist vorgeschrieben. Dies hat weniger mit der konkreten Sicherheitslage zu tun, als viel mehr mit der panischen Angst der Regierung, einem ausländischen Reisenden könnte etwas passieren. Denn sie weiß: Ein einziger negativer Zwischenfall könnte die jahrelangen Bemühungen, sich als sicher und stabil zu beweisen, mit einem Schlag zunichte machen.

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Teil meines persönlichen Bodyguard-Teams. Der junge Herr war übrigens großer Bayern-Fan © Konstantin Flemig

Zum Vergleich: 2008 gab es einen Anschlag der islamistischen Al Shabaab, bei dem Dutzende Menschen getötet wurden. Seitdem, also die letzten neun Jahre über, gab es im ganzen Land keinen einzigen terroristischen Anschlag mehr. Eine Statistik, auf die Länder wie Frankreich oder Deutschland neidisch werden könnten.

Hargeisa

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Hargeisa, die Hauptstadt von Somaliland

Die Hauptstadt des Landes, in der mit bis zu einer Million Einwohner fast ein Viertel der Landesbevölkerung lebt. Eine besondere Schönheit kann man der Metropole leider nicht unterstellen. Das ist indes aber auch kein Wunder: Die Stadt wächst so schnell, dass sie aus allen Nähten zu platzen scheint. Einigen Schätzungen zur Folge hat sich die Bevölkerungszahl seit den 1970ern verachtfacht.

Die Stadt selbst ist wie viele Großstädte des Kontinents lebendig, bunt, staubig und chaotisch. Die wenigen Sehenswürdigkeiten lassen sich tatsächlich an einem langen Tag besuchen, darunter die beiden Nationaldenkmäler und den Kamelmarkt (siehe „Tiere“). A m besten nimmt man sich dafür einen vom Hotel empfohlenen Taxifahrer mit einigermaßen stabilen Englischkenntnissen, einigt sich auf ein fixes Tageshonorar (80 bis 100 US-Dollar), und schon kann das Abenteuer beginnen.

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