III / I

Wir bleiben vorerst bei der Fiktion – diesmal mit dem ersten Kapitel der politisch-dystopischen Kurzgeschichte “3” von mir. Im kommenden Beitrag geht es dann wieder um Nachrichten dieser Welt.

 

mariavoigt

Gezeichnet von Maria Voigt für die Kurzgeschichte

And he said. What has thou done? the voice of thy brother`s blood crieth unto me from the ground. Genesis 5-10

Erschöpft lehnt er sich zurück. Warme Schweißperlen bedecken seinen nackten, erschöpften Leib. Seine Gedanken schweifen, nach dem Akt der rein körperlichen Befriedigung in andere Gefilde. Ein kahler Raum umgibt die beiden Menschen. Eine Kommode, Waschbecken, Fenster, illuminiert von den blitzenden Leuchtreklamen, ein ungepflegter Boden, eine kleine Lampe auf der linken Bettseite, welche die benutzten Kondome im Plastikeimer erleuchtet. Wem kann in solch trostloser Umgebung ein warmer Gedanke der Liebe entsprießen? Warum tut er dies? Er treibt hin und her, durch Häuserschluchten und leeren Bars, umhüllt sich in die Dämmerung von kaufbaren Frauen und erforscht die Grenzen seiner Sinne durch Opiate. Sinnsuche? Oder strukturlose Suche nach dem eigenen, gestohlenen Leben?

– War ich gut?
– Ja…
– Was Ja? Hat es Dir gefallen.. wirst Du wiederkommen?

Ein ängstlicher Blick des Mädchens huscht zu Ihm. 16? 26? Wo liegen die Grenzen des Alterns, dachte er sich, während er Ihre kleinen, bebenden Brüste und die unverheilte Narbe am Bauchnabel voller Faszination betrachtete.

– Wenn ich wieder hier bin, wenn Du wieder hier sein wirst? Sicherlich,
warum nicht?

Erfreut rückt Sie näher an Ihn. Ein Arm umschlingt seinen Bauch, erzeugt Wärme und Nähe. Doch es ist mehr als nur ein Arm, ein Gefühl der Geborgenheit in seiner eigenen Leere. Er genießt diesen Augenblick, welcher die Kälte in seinem Inneren für einen Moment zu übertünchen mag.

– Darf ich eine Zigarette rauchen? Wenn es angenehm war, wenn es mehr wahr als nur Gewalt und Sex, rauche ich immer eine… es hilft mir, Ruhe zu finden!
– Nur zu, mich stört es nicht.

Mit Ihrer freien Hand, ohne Ihren schmalen Arm von seinem Bauch zu lösen, nestelt Sie eine Zigarette aus der Unergründlichkeit Ihres Nachttisches hervor und zündet sie sich behutsam an. Ein glimmen erhellt den Raum. Der Atem wird eingesogen, die Zeit gerinnt, wird zähflüssig und das Auge fixiert den Moment. Zeit ist irrelevant im Kontext der Situation, denkt er entrückt, während er Ihre trockenen Lippen betrachtet, die gierig das Nikotin in den Körper bewegen. Etwas Erotisches haftet an diesem Anblick, wie die alten Filme es impliziert haben, sanfte Lippen, sanfter Rauch, sanftes Entfliehen. Am Ende steht dieses Mädchen wie so viele in der Seitenstraße, verbraucht vom Leben, verbraucht vom Menschen Mann, innerlich verödet, äußerlich ausgetrocknet und von der Gewalt der täglichen Unterwerfung, von der blutigen Penetration, zerstört.

– Willst Du bei mir bleiben? Du bist so anders… Deine Stimme klingt angenehm und Du hast Liebe mit in den Fick gebracht…
– Nein. Wie lange soll ich bleiben? Eine kurze Zeit? Eine lange Zeit? Am Ende werden sich unsere Wege doch trennen…. Nein.
– Also bist Du doch nicht wie die Anderen! Kalt und nur an Dir selber interessiert!
– Vielleicht. Ich beurteile mich nicht selber.
– Geh, bitte, geh. Ich dachte… nein… geh!

Er schiebt Ihren Arm sanft auf das Bett zurück, packt seine wenigen Habseligkeiten und bewegt sich über eine schmale, unbeleuchtete Treppe erneut auf die Kälte der Strasse. Der Beutel mit seinen wenigen Habseligkeiten schlägt schwer gegen seine geschundene Schulter. Erstaunlichweise scheint es einmal nicht zu regnen. Über seinem Haupt erstrecken sich unerreichbare Häuser, glänzende Fassaden voller Glück und Wärme, Leere und Kälte – Einerlei.

Warum? Wieder diese Frage in seinem Kopf. Immer wieder diese schreiende Frage des Warum, des Wieso? Doch wieder kommt keine Antwort zurück, Leere hallt nach in seinem gesäuberten Schädel, der Ruf der Gedanken erfährt kein Echo.

Er setzt sich in Bewegung, behäbig und jeden Schritt abwägend; wie ein Mensch, der sich das Laufen nach einer langen Krankheit erneut beibringen muß. Nach und nach kann er seine Schrittfolge erhöhen, gekonnter den Hindernissen (Menschen?) ausweichen, seinen willkürlich eingeschlagenen Weg folgen. Schritt für Schritt für Schritt. Ein Blick auf seine Füße – ausgelaufenes Schuhwerk, die Sohle halb vom Schaft abgerissen, der Knöchelschutz nur noch eine Farce und die Schnürsenkel zerfasern ins Nichts. Jede Bewegung in den Schuhen erzeugt Schmerzen, die Füße geschunden und verbraucht. Er schaut sich suchend nach einem Schuhladen um, doch auch dieser Gedanken verpufft.

Dann ein Schrei, unverständlich und voller Agonie. Die Augen werden durch einen grellen Blitz geblendet, Abrupt unterbricht Er seine Bewegung. Ein Donnern erschüttert die Seitenstraße, Staub rast heran und übertüncht jede Reklame, bedeckt den Boden mit einer Schicht aus zerborstener Metalspäne und geschmolzenem Plastik. Die Schreie von Opfern steigen die Straßenschlucht empor, Menschen torkeln aus dem Nebeldunst und brechen unweit von Ihm zusammen. Blut versucht in den Boden einzusickern, doch es findet keinen Weg durch den Beton. Sirenen erhöhen die Kakophonie der Geräusche, ein Hauch von Apokalypse streift die Welt.

Nach Überwindung dieser Unterbrechung setzt er schnell seinen Weg fort, immer geradeaus, weiter ohne Gedanken. Woher kennt er dieses Laufen, diese unermüdlichen Schritte? Ein Name springt in sein Bewusstsein. Odysseus. Doch welche Bedeutung verbirgt sich hinter diesem Namen? Ein Kopfschütteln, er streift die Gedanken ab, Leere ist heilsamer als das verweilen in fremden, falschen Welten.

Nachdem er mehrere Blocks hinter sich und der Bombenexplosion gebracht hat erreicht er ein neues Viertel. Ein kleines Geschäft reiht sich an das nächste, neben synthetischen Drogen wird alles angeboten, was mit Geld zu erwerben ist. Eine neue Hand gefällig? Wie wäre es mit einer Erweiterung der Gehirnsynapsen, um die Welt in Ihrem Untergang farbenfroher zu erleben? Oder doch lieber die Beichte an einem der unzähligen Todesschreine, dekoriert voller menschlicher Gebeine und der ewigen Rezitation heiliger Wörter? Die Menschen hier sind austauschbar, jeder ist gleich im Angesicht seiner Suche nach Vergessen. Es gibt keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, keinen sichtbaren zumindest. Sie alle haben sich dem Ansinnen dieser Straße, dem Gefühl der Zeit unterworfen. Warum auch nicht? Wieder dieses Warum auch Nicht? Etwas blockt in Ihm weitere Gedanken ab, kein tiefer dringen, kein tiefes Ergründen. Der Schritt bewegt sich weiter über das raue Pflaster, die Schuhe blitzen eintönig im grellen Licht eines Geschäftes auf. Tag. Nacht. Beides hat seine Bedeutung verloren, fließender Übergang, nur ein dauernder Dämmerzustand ist geblieben, welcher sich auf den Menschen wie ein schweres Gewicht niederlegt. Zeitlos und doch ohne Zeit.

Ein Knurren. Verwirrt schaut er sich um – ist wieder ein abgemagerter Hund auf dem Weg, um Ihm zu bedrohen? Doch er sieht keinen dieser wandelnden Gerippe. Ein weiterer verwirrter Blick, bis der Körper seine eigenen biologischen Bedürfnisse wahrnimmt. Essen! Er hat seit Stunden, vielleicht gar Tagen nichts mehr zu sich genommen, die Nahrung als Ablenkung, als vermeidbaren Zwang verweigert.

Er bleibt stehen und sucht einen Nahrungsstelle, um sich diesem Akt der biologischen Erniedrigung zu unterwerfen. Nicht weit von sich entfernt erblickt Er einen dieser uniformen Läden und bewegt sich, nun zielstrebiger, da ein Ziel vor den Augen, darauf zu. Automatismen greifen, die Handlungsabläufe sind in sein Fleisch und Blut übergegangen. Arm nach vorne bewegen. Leichtes anwinkeln. Das Hemd hochziehen. Die Magneterkennung an das suchende Auge der Tür halten. Einlass. Ein Wort, eine Maschine spricht, Laute erhallen im kahlen Raum.

– Preisklasse Beta. Du wünschst zu Essen? Nr. 1 oder 2?

Er schweigt verwirrt, er kann sich doch nicht mehr an den Beginn des Procederes erinnern.

– Preisklasse Beta. Du wünschst zu Essen? Nr. 1 oder 2?

Einen weiteren, zögernden Moment später

– Eins…
– Bestellung erhalten, das Essen wird zubereitet, Abholung am Schacht Rot, wir werden die Kosten Deinem Guthaben anrechnen. Danke für Deinen Besuch. Ein Aufenthalt länger als fünf Einheiten ist wegen der Momentanen Sicherheitslange nicht gewährt. Jeder Übertritt dieser Zeit wird geahndet.

Seine Augen suchen und finden den roten Schacht. Die Klappen öffnen sich geräuschlos. Kahles, weißes Licht erhellt einen Teller und ein Getränk. Setzen. Er betrachtet die grüne, erstarrte Flüssigkeit und das buntgraue Esse. Ein Würgen entrinnt seiner Kehle, doch der Bauch schreit seine Forderung im Stakkato heraus. Die Nahrung wird zu sich genommen, der Leib befriedigt, der Geist erschauert unter wohliger Wärme des Getränkes. Ein zittern rieselt durch seinen Leib, der Bauch schmerzt plötzlich ob der zu sich genommen Proteine und Betablocker, Vitamine und weiteren medizinischen Zusatzstoffe.

Der Abfall entgleitet seinen Händen und verschwindet zurück in den roten Schacht. Er bleibt sitzen, wartet auf ein Ereignis, auf den nächsten Schritt. Doch auf was wartet er hier? All dies erscheint hohl und irreal im weißen, leicht flackerndem Licht der Deckenbeleuchtung. Kein Mensch ist zu erblicken, das Auge sucht den Kontakt durch die Fenster, doch diese tönen sich unter der Augenbewegung. Kein Zugang zum Außen. Nur Essen und Trinken, sonst nichts.
– Die 5 Einheiten sind vorüber. Verlasse bitte die Räumlichkeiten. Sonst wird die Geleiteinheit zu Deinem Schutz angefordert – auf Deine Kosten versteht sich.

Warten oder weiter wandern? Er ist sich unschlüssig, wohin er sich wenden soll. Ein Licht dämmert in seinen Gedanken, ein fernes Lachen hallt nach. Liebe? Wärme? Zu Hause? Ferne Dinge, er will sie festhalten, doch sie entgleiten ihm wieder, werden dünne Stränge in der Leere seines Kopfes. Warum kann er diese Vergangenheit (Den Traum? Die Zukunft? Den Film?) nicht festhalten, genießen, erkennen, sich davon ernähren wie von dem Essen?

Die Hilflosigkeit über diesen Zustand erfasst sein ganzes Denken, lässt Ihn erstarren, die Konzentration wird auf den erneuten Versuch der Rückbesinnung gebündelt.
Ein weiterer Gedankenblitz, zwei Bücher liegen auf einem Holztisch, er kann die Schrift auf dem Lederumschlag nicht entziffern, doch weiß er intuitiv, wie diese Dinge heißen – Bibel; Ilias. Der Moment entgleitet, er ist seiner Suche keinen Schritt näher gekommen, vielleicht ist er der Wahrheit weiter entfernt denn je? Ein Laut lässt Ihn zusammenzucken, die Tür gleitet auf.

– Die Fünf Einheiten sind um, Deine Anwesenheit nicht mehr rechtes. Die Geleiteinheit ist eingetroffen.

Seine Augen weiten sich, das Grauen, ein regelrechter tierischer Instinkt, ergreift von jeder Faser besitz. Ein Schemen, nein, zwei Schemen, bewegen sich lautlos auf Ihn zu, strecken Arme aus; diese werden länger, umschleichen seinen zitternden Leib.

Das Schweigen ist das Schlimmste. Die Lautlosigkeit des Handelns erzeugt eine Irrealität, die den Geist an jeder Wahrnehmung zweifeln lässt, die eigene Tat, das eigene Sein. Doch hier herrscht nur Stille, grenzenlose, tödliche Stille. Der Druck wird stärker, Schlieren tanzen vor seinen Augen, bunte Lichter flackern im hellen Neonlicht, schenken dem Weiß neue Farbe.

– Warum? Ich habe nichts getan, ich habe die Zeit nur vergessen! Ihr verursacht mir Schmerzen, lasst mich gehen! Bitte! Nein, nein, ich will nicht vergessen, ich will nicht zurück in die Schwärze… NEIN!

Seine Augen quellen aus ihren Höhlen hervor, sein Atem droht ihn zu zerreisen. Fühlt sich so der Tod an? Schwärze mischt sich unter die bunten Schlieren, wird größer, stärker, versucht ihn mit Vergessen zu locken.

Ein letztes Aufbäumen, das Tier im Menschen will in seiner Angst um die Lebensexistenz nicht aufgeben, nicht Verneint werden. Dann Schwärze. Nichts.

= Lautlos spricht etwas über das Protonnetz zu seiner Zentrale:
— Auftrag ausgeführt, 725828 wird abgeführt, Guthaben und Lebenskraft sichergestellt. Ende.

Auch das letzte lebende Wesen verlässt den kahlen, weißen Raum. Die Maschinen arbeiten weiter, warten sehnsüchtig auf den nächsten Menschen, der seinen Hunger stillen will. Die Maschinen schlafen nie, sie stehen uns, den Menschen, immer zur Verfügung.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s